Was die Corona-Krise uns lehren kann

… und welche Rolle die Transitionbewegung dabei spielt

Symbolbild. Foto von Adam Nieścioruk

Die Corona-Krise kehrt so einiges auf den Kopf: Sie lehrt uns, dass viele Dinge, die wir für wichtig hielten, vielleicht doch gar nicht so wichtig sind und rückt Werte wie Solidarität, Gemeinwohl und Nachbarschaftshilfe, wieder ins Zentrum eines sonst konkurrenz- und wachstumsorientierten Gesellschaftsystems. Sie zeigt, wie wichtig Umwelt und Gesundheit sind und dass doch nicht nur allein die Wirtschaft zählt. Sondern dass diese auf Grundpfeilern fußt, ohne die sie nicht funktionieren kann.

Plötzlich kommt es nicht mehr auf grenzenlosen Konsum und eine Identifikation über Kaufen und Haben an, sondern wir merken vor allem, wie sehr uns reale Begegnungen, Freunde und Familie fehlen. Gleichzeitig haben wir Zeit zum Innehalten und den erwachenden Frühling in einer vermeintlich nie dagewesenen Intensität zu beobachten. Denn so manches Frühlingserwachen mag in den letzten Jahren aufgrund von Stress unbemerkt an uns vorbeigezogen sein.  Weil wir plötzlich Zeit zum Innehalten haben. Weil wir nicht von Termin zu Termin hetzen müssen. Vielleicht führt das ja dazu, dass wir die Natur und unsere Beziehung zu ihr wieder neu entdecken.

Wir erleben, dass beispiellose Maßnahmen umgesetzt werden können, dass sich Alltagsroutinen von heute auf morgen ändern lassen, wenn der politische Wille da ist und wenn eine Krise als ernst und akut wahrgenommen wird. Wir sehen, was es heißt, eine lebensbedrohliche globale Krise zu managen. Das lässt hoffen, dass uns diese Einsichten helfen auch die anderen Krisen zu bewältigen, vor denen die Menschheit steht: Die Klimakrise, das Artensterben, die Ressourcenübernutzung und die Versauerung der Ozeane. Auch diese haben ähnlich exponentielle Entwicklungsverläufe und beinhalten existentielle Gefahren für die Menschheit: Ähnlich wie es bei der Corona-Pandemie Verzögerungsdynamiken durch lange Inkubationszeiten gibt, haben irreversible Schäden durch die Klimakrise lange ihren Lauf genommen, bevor wir sie als lebensbedrohlich empfinden. Die Lehre: Wir müssen handeln, ehe es zu spät ist. Wir stehen, was die Klimakrise angeht, an einem entscheidenden Scheideweg. Es ist wichtig, beim Wiederaufbau nach der Corona-Krise auch die anderen Krisen mitzudenken und (staatliche) Maßnahmen direkt in enkeltaugliche Strukturen zu investieren.

Symbolbild. Foto von Tania Malréchauffé

Die Corona-Krise zeigt, wie verletzlich ein System ist, das auf globalem Handel und Arbeitsteilung basiert. Sie lässt uns vielleicht grade noch rechtzeitig erkennen, wie wichtig es jetzt ist, eine regionale, ökologische, vielfältige und kleinbäuerliche Versorgung zu stärken. Denn diese ist bei uns seit den fünfziger Jahren und heute weltweit durch den Druck einer Produktivitätssteigerung um jeden Preis und den Trend, Billigware aus der ganzen Welt zu beziehen, bedroht. Es zeigt sich, wie wichtig es ist, stattdessen auf Resilienz, ressourcenschonende Kreisläufe und mehrere Standbeine zu setzen, anstatt nur auf eindimensionale Versorgungswege, deren Wegfallen in Krisenlagen die Situation weiter zuspitzen können.

Doch wie gelingt es uns solche krisenfeste und resiliente Strukturen aufzubauen? In Bayreuth widmet sich bereits eine Vielzahl von Initiativen mit verschiedenen Themenschwerpunkten dieser Frage. Ihre Projekte verkörpern verfügbare, gelebte und damit erprobte Ideen und liefern einen reichhaltigen Erfahrungsschatz über Erfolge und Misserfolge, die zur zukünftigen Krisenfestigkeit unserer Stadt und Region beitragen können. Viele dieser Initiativen vereinen sich unter dem Dach des TransitionHauses und arbeiten mit weiteren als Kooperationspartner eng zusammen.

Zukünftiger Laden der Verbrauchergemeinschaft Hamsterbacke.

Neue Strukturen zur Stärkung einer ökologischen und regionalen Landwirtschaft treten in Gestalt der Verbrauchergemeinschaft Hamsterbacke, verschiedenen Betrieben, die basierend auf einer Solidarischen Landwirtschaft wirtschaften, und der neuen Regionalwert AG auf. Durch die Corona-Krise arbeitet die Hamsterbacke gerade unter erschwerten Bedingungen am Ladenaufbau. Trotzdem soll der Laden schnellstmöglich für die Mitglieder öffnen, da eine regionale Lebensmittelversorgung nun um so bedeutsamer ist. Die Regionalwert AG wird bald erste Aktien ausschütten, die nicht der Gewinnausschüttung, sondern der Investition in eine enkeltaugliche Zukunft dienen. foodsharing leistet deutschlandweit und auch in Bayreuth einen wertvollen Beitrag, um Lebensmittelverwendung entgegen zu wirken.

Gerade auch in schwierigen finanziellen Zeiten zeigen Initiativen wie der Umsonstflohmarkt, die Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt FlickWerk, das Repair- und das Nähcafé Lösungen, wie sich Konsum reduzieren lässt und durch die Reparatur von Elektronik und Kleidung Produktlebensdauern verlängert und so Ressourcen geschont werden können.

Beim Projekt „Kurze Wege für den Klimaschutz“ lässt sich Klimaschutz im Alltag erleben. Fertigkeiten wie zum Beispiel das Haltbarmachen von Lebensmitteln oder dem Recyclen von Materialien ermöglichen Handlungsspielraum und Anpassungsfähigkeit im Krisenfall.

Werte wie Kooperation, Gemeinsamkeit, Vielfalt und Füreinander Sorgen spielen in unserer VoKü, bei Bunt statt Braun und im Café des TransitionHauses eine große Rolle. Vielleicht birgt die Corona-Krise die Chance, diese Werte über ihre bisherigen Räume hinaus zu verbreiten und Bayreuth irgendwann zu einer Transition-Stadt (TransitionTown) werden zu lassen.

Symbolbild. Foto von Christian Joudrey

Viele dieser Initiativen basieren auf Begegnung und pausieren daher momentan oder finden in anderer als der gewohnten Weise statt. Was alle jedoch gemeinsam haben: Sie setzen auf Werte, von denen wir in der Corona-Krise merken, wie wichtig sie sind. Wir laden dazu ein, die darin steckenden sozial-kulturellen Innovationen und Lösungen auch im Angesicht dieser schweren Zeit nicht aus dem Blick zu verlieren. Denn die bisherigen Strukturen sind zu klein, um wirklich von lokaler Versorgung und Resilienz sprechen zu können. Der Weg ist noch weit, die Lage ernst und daher gilt es JETZT aktiv zu werden. Indem wir zum Beispiel unsere lokalen Läden und Strukturen bevorzugen gegenüber den großen Discountern und Onlineportalen, um ihnen eine Existenz auch nach Corona zu ermöglichen.

Corona stellt ernstzunehmende Gefahr dar, birgt aber genau deshalb auch das Potential über den Umgang mit Krisen und deren Konsequenzen zu lernen. Wir laden dazu ein, mitzumachen nach der Corona-Krise nicht in ein „Business as usual“ zu verfallen, sondern rechtzeitig die Weichen zu stellen, damit wir nicht in weitere Krisen schlittern, sondern stattdessen Lebensstile verwirklichen, die unser Wohlbefinden mit den Grenzen der Ökosysteme in Einklang bringen.